Sonntag, 29. Dezember 2013

Jahresrückblick 2013

Aloha,
wie in meinem alten Blog üblich, möchte ich auch hier wieder einen kleinen Jahresrückblick machen... Dieses Jahr hatte einige Änderungen parat, war super anstrengend und ging ganz schön ins Geld. Dafür hab ich aber auch eine wunderbare Reise machen können und bin meinem Diplom ein riesiges Stück näher gekommen.


Das war toll:
- dass keine größeren Krankheiten oder Gebrechen in der Familie aufkamen
- dass ich mit Freund in eine knuffige Wohnung zusammengezogen bin
- dass beim Studium endlich das Ende absehbar ist
- Ausflüge mit Freund, zum Beispiel in den Europapark, auf nen Mittelaltermarkt oder zum Drachensteigen
- im Wald um die Ecke Pilze suchen mit einem lieben Kumpel

Das war doof:
- dass meine Muddi & Omi sich noch mehr Sorgen um Geld machen als letztes Jahr schon
- Hochzeitszwangsbesuch
- dass in der Uni z.B. ein Ordner mit meinen Scheinen verloren ging und das ganze einfach ein absoluter Chaosladen ist
- dass ich den Polnischkurs nicht mehr weitermachen konnte (unter anderem, weil wir nach Polen fahren mussten)

Das hab ich neu:
- die Wohnung mit Freund, plus Balkon
- einen absolut dämlichen Plüschwikingerhelm mit zwei dicken Zöpfen dran aus dem Europapark
- Begeisterung fürs Eishockey

Das hab ich nicht mehr:
- meine beiden Mitbewohner und meine alten lieben Nachbarn
- ein funktionstüchtiges Fahrrad
- meinen dämlichen Handyvertrag bei O2 (bzw. ab März, aber prinzipiell ist er weg)
- Probleme mit meinem Rückenwirbel, dank Yoga

Was ich gelernt hab:
- unglaublich abstraktes Wissen über Wellenmodellierung
- dass ein Diplom/Examen nicht zwangsläufig bedeutet, dass eine Person Grundintelligenz besitzt
- "Die gelbe Krawatte"

Was ich geschafft hab:
- 2 Piratenkostüme selbst zu basteln und den Halloweenkostümwettbewerb zu gewinnen
- generell das erste mal was zu gewinnen (das Meditationskissen versehentlich bei einer Umfrage)
- meine B-Vertiefung in Wasserbau und den ganzen Hauptvertieferbereich in Infrastrukturplanung
- die leckersten Cupcakes zu backen, die mein Trainer je gegessen hat
- einen gemütlichen Balkon einzurichten

Reisen & Trips 2013:
die üblichen Trips nach Berlin und Bad Wildungen, eine unglaublich tolle Reise nach New York, ein Kurztrip nach Warschau und in ein polnisches Kaff kurz vor Weißrussland, Europapark, Augsburg und über Silvester Pilsen

Grundnahrungsmittel 2013:
- viele Küchenkräuter
- Nori-Algen

Im Gedächtnis bleibende Momente:
- wie sich ein 1,95 m Freund in eine 1,20 m Badewanne klemmt
- Abendessen mit einem Nobelpreisträger
- ein Blumenstrauß mit einer pinken Ananas drin 


Wünsche für 2014:
- Studium abschließen & Arbeit finden
- mit Freund einigen wo wir dann wohnen und ob/wann/wo er dann promovieren will
- wieder ein bisschen entrümpeln

Freitag, 20. Dezember 2013

Corina Bomann - Und morgen am Meer

Aloha,
ich möchte noch grad ein Buch vorstellen, das ich heute auf der Fahrt nach Berlin verschlungen hab. Ich hatte ja vor einiger Zeit ein anderes Buch von Corina Bomann vorgestellt (Die Schmetterlingsinsel), was doch eher durchwachsen war. Die Erwartungen an dieses Buch waren daher eher neidrig, zumal es nach eher seichter Liebesgeschichte aussah. Aber glücklicherweise hab ich der Autorin doch nochmal ne Chance gegeben...


Corina Bomann:
Und morgen am Meer

Jahr: 2013
350 Seiten

Meine Wertung:

  + 

Erster Satz:

Den ganzen Tag über war es schwül und drückend gewesen.

Inhalt:

Im Sommer 1989 ist Milena 17 und lebt im Ostberlin. Ihr großer Traum ist es, das Mittelmeer zu sehen, doch der Traum scheint unerreichbar. Sie und ihre Freundin nehmen gern Musik aus dem Radio auf Kassette auf, was gar nicht so leicht ist, denn Milenas altes Radio hat einen grausigen Empfang. Umso schlimmer ist es für sie, als sie eine mühevoll zusammengeschnittene Kassette in der S-Bahn verliert.
»Nun komm schon, das macht doch nichts!«, versuchte Sabine mich zu trösten, als mir schon die Tränen kamen. »Bespielst du eben ’ne neue Kassette. Ich hab sogar noch welche da.« Um die Kassette ging es mir nicht. Es ging mir um all die Arbeit, die ich in die Aufnahmen gesteckt hatte. Um all das Herumlaufen in meinem Zimmer, bis ich einen Punkt gefunden hatte, an dem der Empfang gut genug war. Um all das Hoffen, dass endlich mal das richtige Lied kam, das perfekte Lied, das nur einmal in Wochen oder Monaten gespielt wurde.
Ein ihr unbekannter Junge namens Claudius, der sie in der S-Bahn entdeckt hatte, findet die Kassette und schafft es tatsächlich, sie ihr am nächsten Tag zurückzubringen. Das allein ist schon irgendwie verwirrend, dazu kommt noch die Tatsache, dass Cornelius aus Westberlin ist!

So entsteht etwas überstürzt eine Romanze. Zeitgleich rückt Milena aber die Stasi auf den Hals - nicht nur aufgrund des Kontakts zu Claudius, dem Klassenfeind, sondern auch wegen der Vergangenheit von Milenas Familie, die ganz plötzlich über ihr zusammenbricht. Schließlich schmuggelt sich Claudius in Lebensgefahr nach Ostberlin hinein, um gemeinsam mit ihr zu flüchten und ans Mittelmeer zu reisen.


toll:

Nun gut, ich muss dazu sagen, dass ich ja aus (West)Berlin komme und aus der Zeit, in der das Buch spielt, schon bewusste Erinnerungen habe. Wir wohnten damals direkt an der Mauer, und ich erinnere mich an zwei Besuche in Ostberlin. Ich weiß auch noch, wie damals an einem Vormittag plötzlich dutzende Trabbis durch unsere Straße fuhren und die Geschäfte (diesmal auf Westseite) tagelang praktisch leergekauft waren. Und wie ich selbst ein buntes Stück Mauer eingesammelt habe. Daher hat das Buch natürlich einen klaren Heimvorteil, zumal ich sämtliche Bahnhöfe und Straßen kenne und die Geschichte daher unglaublich lebendig und nah wirkte. Auch durch die beschriebenen Geisterbahnhöfe bin ich früher gefahren...
Langsam fuhren wir durch den ersten Bahnhof, dessen Kacheln schmutzig, gesprungen oder abgeplatzt und auf dem Boden zerschellt waren. Eine Seifenreklame blätterte langsam von der Wand ab. Der Schriftzug »Potsdamer Platz« war nur schemenhaft in dem kalten, grünlichweißen Neonlicht zu erkennen.
In dieser alten Doku gibt es noch einige Aufnahmen vom damaligen Geisterbahnhof Potsdamer Platz (inzwischen ja wieder einer der wuseligsten Plätze Berlins!).

Es wird viel vom damaligen Alltagsleben in der DDR beschrieben, und da die Autorin selbst ungefähr Milenas Jahrgang ist und in Mecklenburg aufgwachsen ist, kommt das auch sehr realtistisch rüber. Nur am Berliner Di(j)alekt könnte noch ein wenig gefeilt werden (und wir sehen gnädig darüber hinweg, dass Nick Kamens Song "I promised myself" erst ein Jahr später aufgenommen wurde, aber es ist ja auch einfach ein tolles Lied).

Besonders toll fand ich, dass die bedeutende Ansprache von Genscher in der Prager Botschaft erwähnt wird, für mich mit einer der emotionalsten Momente in dieser Zeit:
Einen Moment herrschte vollkommene Stille, dann tönte die Stimme Hans-Dietrich Genschers durch die Lautsprecher. »Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …« Mehr verstand man nicht, denn die Menge brach in lauten Jubel und Geschrei aus. Leute weinten, fielen sich in die Arme. Auch ich klammerte mich an Claudius und begann zu weinen.
Hier gibt es einen ganz kurzen Dokufilm bei youtube darüber. Die beschriebene Szene startet bei etwa 2:20. 

Gefallen hat mir außerdem, dass die Kapitel nach den Liedern auf Milenas Kassette benannt wurden. Die Playlist mit allen Liedern darauf findet ihr übrigens hier. Gerade an der Stelle fällt mir nochmal auf, wie verstörend selbstverständlich vieles für uns ist. Während Milena eine ganze Woche Arbeit investiert, um diese Playlist verrauscht und mit abgehacktem Songbeginn auf ihre Kassette aufzunehmen, brauchen wir nur einen Klick. Die Einschränkungen für die meisten DDR-Bürger waren verglichen mit unserem Lebensstil extrem, und das liegt keine 25 Jahre zurück. Und trotzdem hat man sich damals seinen Humor bewahrt und was draus gemacht, was im Buch auch gut rüberkommt.


doof:

Hier könnte ich jetzt bemängeln, dass es ja völlig unrealistisch ist, dass Milena und Claudius sich innerhalb von nur wenigen Treffen derart ineinander verlieben, dass sie gemeinsam flüchten. Ich tu es aber nicht, da zum einen dadurch das Buch sehr dynamisch bleibt und zum anderen... herrje, die beiden stecken doch noch in der Pubertät. Da kann sowas durchaus mal vorkommen... Zumindest das Unverständnis für die Mauer und der Zorn, den die beiden schließlich auf die Politik und zum Teil auf ihre Eltern empfinden, wird gerade durch die Jugend sehr überzeugend. Also warum nicht auch eine etwas überstürzte erste große Liebe?


Fazit:

Ein Buch, das zwar vom eigentlichen Plot her relativ einfallslos erscheint, aber gerade durch diese ganz gewöhnliche Geschichte im Kontext mit den Grenzen und dem Zusammenbruch der DDR sehr stark wirkt. Unbedingt empfehlenswert für alle, die einen persönlichen Bezug zu dieser Zeit haben oder sich dafür interessieren. Falls ihr nicht viel Hintergrundwissen habt, lohnt es sich evtl. ergänzend einige Doku-Videos auf youtube anzusehen. Oh, und hört euch die Musik auf Milenas Kassette an! Die Musik der 80er war einfach toll...

PS: keine Panik, es wird nicht wirklich schnulzig!

Montag, 9. Dezember 2013

Polly Shulman - Die geheime Sammlung

Aloha,
heute ein Jugendbuch, das ich ziemlich schnell "nebenbei" gelesen habe, das mir aber sehr gut gefiel:


Polly Shulman:
Die geheime Sammlung

Jahr: 2010
352 Seiten

Meine Wertung:

Erster Satz:

Es schneite große, klebrige Flocken, die mir unter den Kragen wehten, weil mein oberster Knopf fehlte. 

Inhalt:

Die Außenseiterin Elizabeth bekommt von ihrem Lehrer einen Nebenjob im New Yorker Repositorium der verleihbaren Schätze vermittelt. Das funktioniert ähnlich wie eine Bibliothek, nur, dass man hier alles mögliche ausleihen kann, vom Teeservice bis zur Perrücke Marie Antoinettes. Elizabeth und andere Jugendliche fungieren als Pagen, indem sie die Bestellungen bearbeiten und die Objekte in verschiedenen Sammlungen verwalten. Eine der geheimen Sammlungen des Repositoriums ist die Grimm-Sammlung, in der sich magische Gegenstände aus den Märchen der Gebrüder Grimm befinden... Auch sie können von berechtigten Personen gegen einen Pfand ausgeliehen werden.

Schnell hört Elizabeth allerdings Gerüchte über einen riesigen Vogel, der Angestellte verfolgt, über Diebstähle und Gegenstände, die plötzlich ihre magische Kraft verloren haben. Es kommt, wie es kommen muss: eine Pagin verschwindet und Elizabeth und ihre Kollegen müssen versuchen, sie zu finden und den Dieb zu fassen. Auf dem Spiel stehen außerdem Elizabeths Orientierungssinn und das zukünftige Erstgeborene eines Kollegen, die beide als Pfand für entliehene Gegenstände hinterlegt wurden...


toll:

Die Geschichte ist ziemlich lustig und spannend geschrieben und lebt hauptsächlich von den verschiedenen Gegenständen, die das Repositorium zu bieten hat und die von den Protagonisten ziemlich kreativ verwendet werden, um dem Dieb auf die Schliche zu kommen. Da wird beispielsweise der Spiegel von Schneewittchens böser Stiefmutter interviewt oder ein Schrumpfstrahler (aus der Science-Fiction-Sammlung) missbraucht, um Leute in der Rohrpost zu verschicken...
 
Es ist ein ziemlich kurzweiliges Buch, das natürlich viele Anspielungen auf Grimms Märchen macht. Man muss diese nicht kennen, da sie meist im Dialog kurz zusammengefasst werden. Ich hab trotzdem mein Märchenbuch in Griffweite gehabt, um die jeweils passenden Geschichten dazwischenzuschieben.


doof:

Nun ja, es ist ein Jugendbuch. Der Mangel an Tiefsinnigkeit bei den Charakteren und der recht unverschlungene Handlungsstrang sind daher wohl irgendwie zu entschuldigen. Allerdings verstehe ich langsam echt nicht mehr, warum Protagonisten in Jugendbüchern ständig bemitleidenswerte Außenseiter sein müssen. Hier geht es nun sogar noch so weit, dass Elizabeth nicht nur keine Freunde hat, sondern obendrein auch keine Mutter mehr, dafür eine böse Stiefmutter, Stiefschwestern die ihr vorgezogen werden und einen Vater, der sie vernachlässigt. Oh, und außerdem wie es scheint keinerlei Hobbies oder Interessen, abgesehen von Hausaufgaben.
Im Laufe des Buches füllt das Repositorium dann natürlich die Leere in ihrem Leben komplett aus und sie bekommt einen Haufen neuer Freunde. Man kanns ja auch übertreiben...


Fazit:

Ein unterhaltsamer, aber leider recht kurzer Ausflug mit magischen Gegenständen aus diversen Märchen. Die von mir kritisierte "Aschenputtelsituation" der Protagonistin nervt eigentlich nur zu Beginn und zum Ende hin. Ansonsten ist es ein wundervolles Buch für Leute, die Phantastik, Märchen oder verzauberte Digne mögen. Mir als Architekturnerd hat natürlich auch das Gebäude des Repositoriums gefallen, das beim Lesen in meinem Kopf entstand.

Offenbar existiert im Englischen bereits eine eigenständige Fortsetzung des Buches, die von der Sammlung des Wells-Erbes handelt und in der nun wohl auch die bereits erwähnte Zeitmaschine vorkommt... Wird dann wohl eines meiner nächsten Bücher werden!

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Montag, 2. Dezember 2013

Jonas Jonasson - Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Aloha,
heute geht's um ein Buch, um das man ja scheinbar nicht drum rum kommt. Amazon nervt mich jetzt schon gefühlt ein Jahr permanent damit als Lesevorschlag, also hab ich eben irgendwann nachgegeben (klares Beispiel dafür, dass Penetranz meist irgendwie doch siegt):


Jonas Jonasson:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Jahr: 2011
417 Seiten

Meine Wertung:

Erster Satz:

Man möchte meinen, er hätte seine Entscheidung etwas früher treffen und seine Umgebung netterweise auch davon in Kenntnis setzen können. 

Inhalt:

...andererseits war es auch eine eher spontane Entscheidung, die Allan Karlsson da traf, als er an seinem einhundertsten Geburtstag aus dem Fenster seines Zimmers im Altenheim kletterte und mehr oder weniger ins Blaue hinein spazierte. Eher zufällig stiehlt er dann noch einen Koffer voller Geldscheine, legt sich mit einer Motorradgang an und wird von der Polizei zunächst als Opfer einer Entführung, schließlich als mutmaßlicher Mörder mehrerer Personen gesucht. Während seiner Flucht sammelt er natürlich einige Gestalten um sich, die fast genauso skurril sind wie er selbst. Auch der Elefant auf dem Cover gehört dazu.

Parallel zur (insgesamt eher kurz ausfallenden) Fluchtgeschichte wird in Rückblenden Allans Leben erzählt. Allan hat es nicht so mit Politik. Kein Wunder, denn übermäßiger politischer Eifer hat die Leute in seiner Umgebung noch nie weit gebracht. So auch seinen Vater, der als überzeugter Komminust von Schweden nach Russland ausgewandert ist, im denkbar ungeeignetsten Moment dann allerdings die Vorzüge des Kapitalismus entdeckte:
Für Allans Vater nahm das Ganze (...) eine persönliche Dimension an, da Lenin jegliches Privateigentum verboten hatte – genau einen Tag nachdem Allans Vater zwölf Quadratmeter erworben hatte, auf denen er schwedische Erdbeeren anbauen wollte. »Der Boden hat zwar nur vier Rubel gekostet, aber mein Erdbeerfeld verstaatlicht man mir nicht ungestraft!«, schrieb Allans Vater in seinem allerletzten Brief in die Heimat. Und er schloss mit den Worten: »Jetzt ist Krieg!«
(...) Allans Vater (hatte) ein Grundstück von zehn bis fünfzehn Quadratmetern eingezäunt und es zur unabhängigen Republik erklärt. Er hatte seinen Staat »Das richtige Russland« getauft und war bei dem Handgemenge gestorben, das entstand, als zwei Regierungssoldaten seinen Zaun einreißen wollten. Allans Vater hatte die Grenzen seines Landes mit bloßen Fäusten verteidigt und wollte partout nicht mit sich reden lassen. Schließlich wusste man sich keinen anderen Rat, als ihm eine Kugel zwischen die Augen zu verpassen, damit man den Abrissauftrag ausführen konnte. »Hättest du dir nicht eine etwas weniger dämliche Todesart aussuchen können?«, meinte Allans Mutter zu diesem Botschaftstelegramm.
Allan erlernt mehr oder weniger durch Eigenstudium die Kunst der Sprengstofftechnik, wobei er nicht nur versehentlich die Fehlgeburtsrate der nachbarlichen Kuh deutlich erhöht, sondern schließlich seine eigene Hütte in die Luft sprengt und dann einfach mal in die Weltgeschichte hineinspaziert.

Ähnlich wie Forrest Gump stolpert er von einer abstrusen Verwicklung in die nächste und beeinflusst damit die Weltpolitik maßgeblich, obwohl ihm Politik ja an sich egal ist (aber wenn der Staatschef schon so nett ist und einen zum Schnaps einlädt...). Wer sich schon immer fragte, warum China eigentlich kommunistisch wurde, wie die Amerikaner ihre Atombombe fertig konstruierten oder warum Stalin schließlich einen Herzinfarkt bekam, findet hier mögliche Antworten. Nebenbei lernt der Leser zahlreiche praktische Dinge fürs Leben, beispielsweise warum man seine Zigarette nicht in anderer Leute Kaffeetassen ausdrücken sollte oder wie man in Indonesien eine Landeerlaubnis für eine Boeing mit Elefanten an Bord erhält.


toll:

Jonasson schreibt einfach hinreißend naiv, mit einer großen Portion trockenem, manchmal schwarzem Humor. Als wären all die skurrilen Begebenheiten vollkommen normal.
Als Julius fünfundzwanzig war, starb erst seine Mutter an Krebs, und ihr Sohn trauerte sehr um sie. Wenig später ertrank der Vater im Sumpf, bei dem Versuch, eine Kuh zu retten. Auch da trauerte Julius sehr, denn er hatte wirklich an der Kuh gehangen.

Das Buch liest sich unter anderem auch dadurch recht lockerflockig und schnell. Großartig Atmosphäre kommt nicht auf, muss aber auch gar nicht, denn das ganze lebt von der blühenden Phantasie des Autors. Besonders der Epilog ist ziemlich originell.


doof:

Die meisten Rezensionen über dieses Buch loben ja die Sutiationskomik etc., meinen Sinn für Humor hat es dann allerdings nicht ganz getroffen. Es war amüsant zu lesen, das kann ich nicht bestreiten, aber ich hab weder gelacht noch in mein Knie gebissen (was bei zahlreichen anderen Büchern bereits passiert ist). Doch, Moment, eine Stelle fand ich ziemlich lustig:
»Na bitte«, sagte Allan und blickte auf den bewusstlosen chinesischen Soldaten zu seinen Füßen. »Wenn du mit einem Schweden um die Wette saufen willst, solltest du zumindest Finne oder Russe sein.«

Wie der Protagonist selbst eher passiv von einer Begebenheit zur nächsten trudelt, plätscherte auch für mich die Geschichte eher so vor sich her, bis auf die gelegentlichen Einschübe mit dem Erzählstrang in der Gegenwart fehlte irgendwie der Rahmen.


Fazit:

Es ist nichts, was mir langfristig im Gedächtnis bleiben wird, aber es war wirklich nett zu lesen.
Erfordert nicht viel Konzentration, also eher eine entspannende Urlaubslektüre oder für abends wenn man schon halbtot im Bett liegt und sich trotzdem noch weigert das Licht auszuschalten. Für Fans von Forrest Gump und diejenigen, die sich auch mal für total abwegige Geschichten erwärmen können. Nicht für Leute, die auf Realismus hoffen.

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Samstag, 30. November 2013

Carlos Ruiz Zafón - Der Schatten des Windes

Aloha,
heute stelle ich euch ein extrem bekanntes Buch vor, das ich schon vor einigen Jahren begonnen habe und dann doch eine Weile liegen ließ. Ich habe schließlich vor einigen Wochen nochmal von vorn angefangen. Zwar hat es ziemlich lange gedauert und ich habe wieder mehrere kurze Pausen gemacht, aber es hat sich wirklich gelohnt, dass ich immer wieder zurückgekehrt bin...


Carlos Ruiz Zafón:
Der Schatten des Windes

Jahr: 2003
562 Seiten

Meine Wertung:

Erster Satz:

Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der Vergessenen Bücher mitnahm.
 

Inhalt:

Der zehnjährige Daniel Sempere aus Barcelona wird eines Tages von seinem Vater, der eien Buchhandlung besitzt, zum geheimen "Friedhof der Vergessenen Bücher" gebracht.
» (...) Hier leben für immer die Bücher, an die sich niemand mehr erinnert, die Bücher, die sich in der Zeit verloren haben, und hoffen, eines Tages einem neuen Leser in die Hände zu fallen. In einer Buchhandlung werden Bücher verkauft und gekauft, aber eigentlich haben sie keinen Besitzer. Jedes Buch, das du hier siehst, ist jemandes bester Freund gewesen. Jetzt haben sie nur noch uns, Daniel. Glaubst du, du wirst dieses Geheimnis für dich behalten können?« Ich schaute meinen Vater fragend an und nickte dann. Er lächelte. »Und weißt du das Beste?« fragte er. Ich schüttelte den Kopf. »Der Brauch will es, daß jemand, der diesen Ort zum ersten Mal besucht, sich ein Buch aussuchen muß, dasjenige, das ihm am meisten zusagt, und er muß es adoptieren und darum besorgt sein, daß es nie verschwindet, daß es immer weiterlebt. Das ist ein ganz wichtiges Versprechen. Auf Lebenszeit. Heute bist du dran.«

Daniel wählt nach kurzer Suche das Buch "Der Schatten des Windes" von Julian Carax. Es fesselt ihn sofort, leider ist der Autor verstoben und das wenige, was über ihn bekannt ist, ist äußerst wirr. Es scheint keine weiteren Exemplare dieses Buches oder irgendeines anderen Buches von Carax mehr zu geben. Daniel findet das alles sehr faszinierend und versucht, das Geheimnis des Autors zu lüften. Zugleich interessieren sich aber noch andere für das Buch und wollen es ihm abkaufen. Darunter unter anderem ein sehr suspekter Mann mit verbranntem Gesicht, der nach verbrannten Büchern riecht, sich nach einer Figur aus Carax' Roman benannt hat und Daniel zu beobachten scheint...

Im Laufe des Buches wird Daniel zu einem jungen Erwachsenen und lernt viele weitere Personen kennen, die ihm bei der Suche nach Carax' Vergangenheit behilflich sind, sowie natürlich ein böser Widersacher und immer wieder dieser merkwürdige, nach verbrannten Seiten riechende Gesichtslose...


toll:

Zafón gelingt es, verschiedene Genres in einem Buch zu vermixen. Insgesamt gesehen ist das Buch eine Mischung aus historischem Roman und Kriminalroman. Einige Stellen wie die Geschichte über den Friedhof der Vergessenen Bücher klingen ähnlich wie ein Märchen. Die Besuche in einer lange verlassenen Wohnung und einer zerfallenen Villa könnten auch aus einem Gruselroman stammen, gegen Ende hin wird es schließlich eher ein Thriller.

Die Atmosphäre ist ein Wahnsinn. Manch einer wird den Schreibstil zu blumig finden, ich fand es passte hervorragend zu der Zeit und zu Barcelona. Anbei ein Ausschnitt aus dem besagten etwas gruseligen Teil, in dem Daniel eine lang verlassene Wohnung betritt:
Ich stieß die Tür auf. Eine finstere, undurchdringliche Höhle tat sich vor uns auf. Das Fenster zum Schacht war mit vergilbten Zeitungsseiten abgedeckt. Ich riß sie weg, und ein Strahl milchigen Lichts durchbohrte das Dunkel. »Jesus, Maria und Josef«, murmelte die Pförtnerin neben mir. Das Zimmer ertrank in Kruzifixen. Zu Dutzenden hingen sie an Schnüren vom Balkenwerk und bedeckten an Nägeln die Wände. Man konnte sie in den Ecken erahnen, mit dem Messer in die Möbel geritzt, auf die Fliesen gekratzt, rot auf die Spiegel gemalt. Die Fußspuren, die zur Türschwelle führten, zeichneten im Staub einen Weg um ein bis auf den Sprungfederrahmen entblößtes Bett herum, nur noch ein Skelett aus Draht und wurmstichigem Holz.

Das Geheimnis des Julian Carax und seine Verbindung zu den verschiedenen Charakteren ist sehr gut durchdacht und wird nicht auf halber Strecke bereits offensichtlich, so dass man tatsächlich bis zum Schluss mit Daniel gemeinsam rätseln kann.

Ich glaube, wer Barcelona kennt, wird sich über die zahlreichen Ortserwähnungen im Buch sehr freuen. Es gibt sogar einen Reiseführer für Barcelona, der speziell auf die Schauplätze in Zafóns Büchern eingeht.


doof:

Mein eigentlich einziger, aber recht großer Kritikpunkt am Buch ist, dass es sowohl in der erzählten Zeit als auch in der Anzahl der Charaktere ziemlich ausufert. Viele Charaktere sind zwar sehr liebenswert und das Einbinden ihrer Hintergrundgeschichte stört eigentlich auch nicht, allerdings ist es mitunter schon etwas herausfordernd, den Überblick zu behalten (vor allem, wenn man ein paar Tage Lesepause hatte). Eher nervig ist aber der Protagonist Daniel selbst, den man beispielsweise durch sämtliche pubertären Trotzphasen begleiten darf, die zwar nicht schlecht geschrieben sind, aber die Suche nach Carax verdrängen und den Protagonisten sehr unsympathisch machen.
Sehr unglaubwürdig ist außerdem die geistige Reife des angeblich erst zehnjährigen Daniel, der eher wie jemand mindestens jenseits der 30 wirkt.

Das alles trifft allerdings hauptsächlich auf etwa das erste Drittel des Buches zu, kommt man endlich an die Stelle, an der Daniel die Suche nach Carax wieder ernsthaft aufnimmt, kommt das ganze wieder deutlich in Fahrt. An dieser "Hürde" bin ich beim ersten Leseversuch hängen geblieben.

Fazit:

Man benötigt doch etwas Durchhaltevermögen, denn dieses Buch lässt sich nicht so leicht nebenbei "weglesen". Wer durchhält, wird schließlich mit einer sehr spannenden Geschichte und vielen hervorragenden Einzelszenen belohnt. Es gibt wirklich einige unglaublich atmosphärische Szenen bei denen ich sicher bin, dass ich mich noch lange daran erinnern werde.

Untern Strich, ich würde das Buch weiterempfehlen, jedoch eher an Leseratten und nicht an jemanden, dem ich grade das Lesen an sich schmackhaft machen will.

Und weil es so viele zitatwürdige schöne Stellen gibt, muss ich hier noch unzusammenhängend zwei davon zum besten geben:
Jedes einzelne Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben. Jedesmal, wenn ein Buch in andere Hände gelangt, jedesmal, wenn jemand den Blick über die Seiten gleiten läßt, wächst sein Geist und wird stark.
Einmal hörte ich einen Stammkunden in der Buchhandlung meines Vaters sagen, wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne. Diese ersten Seiten, das Echo dieser Worte, die wir zurückgelassen glauben, begleiten uns ein Leben lang und meißeln in unserer Erinnerung einen Palast, zu dem wir früher oder später zurückkehren werden, egal, wie viele Bücher wir lesen, wie viele Welten wir entdecken, wieviel wir lernen oder vergessen. Für mich werden diese verzauberten Seiten immer diejenigen sein, die ich auf den Gängen des Friedhofs der Vergessenen Bücher fand.

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Freitag, 29. November 2013

Apfel-Mandel-Schoko-Cupcakes mit Zimttopping

Aloha!

Neulich hab ich mein Rezept für die Multioptionsmuffins etwas winterlich abgewandelt und ein leckeres Buttercremetopping mit Zimt dazugemixt. Heraus kamen unglaublich leckere Cupcakes!

soooo lecker...
So könnt ihr die Cupcakes nachbacken:
  

Der Teig:

Bedient euch des  Rezepts für die Multioptionsmuffins. Da bei den Cupcakes noch viel Topping drauf kommt, sollten sie nicht zu hoch befüllt werden. Das Rezept mit seinen Mengenangaben reicht daher hier nicht für 12, sondern eher für 24 Stück.
Nachdem ihr die Eier eingerührt habt, schneidet ein bis zwei Äpfel hinein. Ich habe die Stücke sehr klein geschnitten (~ 5 mm große Würfel), weil ich noch nicht wusste, wie gut der Teig sie hält. Geht aber sicher auch etwas gößer... Außerdem kommen ca. 60 g gehackte Mandeln hinein.
Wenn ihr beim Mehl seid, gebt noch 2 Esslöffel Backkakao hinzu.
Da die Apfelstückchen Feuchtigkeit abgeben war es bei mir am Ende nicht mehr nötig, noch Milch hinzuzugeben. Wenig Teig in die Formen geben, da wie gesagt später ja noch das Topping drauf kommt.

Die Apfelstückchen fallen gar nicht auf, nächstes mal
kann ich sie wohl doch etwas größer lassen ;)

Das Topping:

Für 24 Stück: 130 g Doppelrahmfrischkäse und 80g weiche Butter schaumig rühren.
Dazu 1 - 2 TL Zimt geben und 330 g Puderzucker hineinsieben und nach und nach einrühren.
Falls es zu flüssig ist, entweder noch mehr Puderzucker dazugeben oder die Pampe eine Weile in den Kühlschrank stellen. Mit einer Spritztüte oder einem Frühstücksbeutel mit aufgeschnittener Ecke dann die abgekühlten Cupcakes damit dekorieren und ein paar Schokoladen- oder Zuckerstreusel daraufgeben.

Die fertigen Cupcakes sollten dann auch lieber kühl lagern...


Sonntag, 24. November 2013

Billig kochen: Brokkoli und Nudeln in Bechamel-Käse-Pilz-Kräutersauce

Aloha,

Hier das erste Rezept meiner Studenten-ohne-BAFöG-Küche: eine meiner Lieblingsvariationen mit Nudeln, aber ohne Pesto.
Brokkoli hat so gut wie keinen Eigengeschmack, ist billig und gesund. Also mixe ich es gern in alle möglichen Gerichte mit rein. Außerdem gibt es in diesem Rezept reichlich Pilze und Kräuter. Wer keine Pilze zur Hand hat, der kann auch einfach eine Kräutersauce draus machen, das schmeckt auch toll - oder die Pilze durch kleine Röstzwiebeln ersetzen, falls zur Hand.

Ich gebs zu, die Pilze und Kräuter sieht man nicht gut, aber sie sind da! =)

Zutaten:

Basis:
- Penne Nudeln (Aldi Süd: 500 g für 0,49 €, ca. 125 g nötig)
- Brokkoli (Aldi Süd: 750g gefroren für ca. 1,29 €, pro Portion ca. 125 g nötig)

Sauce (reicht für jeweils 3 Essen):
- 1 Päckchen Bechamelsauce (300 ml für 0,89 €)
- eine Scheibe Edamer (400g, d.h. 10 Scheiben für 1,99€)
- Hand voll getrocknete Pilze (habe ich selbst gesammelt)
- Hand voll Kräuter (selbst gezogen)
- Pfeffer
- Schluck Milch

Preis pro Portion: etwa 0,70 €

Nudeln und Brokkoli normal kochen (geht auch gemeinsam in einem Topf) und abgießen.
Die Bechamelsauce in einem Topf erwärmen, getrocknete Pilze und eine Scheibe Edamer (in kleine Stückchen gezupft) hinzugeben. Kurz zum kochen bringen und mit Milch strecken, bis die gewünschte Konsistenz entsteht (die getrockneten Pilze saugen viel auf) und der Käse geschmolzen ist. Dann vom Herd nehmen und Kräuter einrühren. Besonders lecker ist Kresse, gut geht auch Schnittlauch, geringe Mengen Basilikum und etwas Minze und/oder Salbei. Ich hab auch schon Blütenblätter von Ringelblumen und etwas Rosmarin benutzt. Das ganze ordentlich mit frisch gemahlenem Pfeffer würzen.

Der "Preishammer" an diesem Gericht ist die fertige Bechamelsauce. Allerdings werden selbstgemachte Saucen aus Sahne, Frischkäse etc. unterm Strich auch nicht merklich billiger, sondern nur aufwendiger. Die Bechamelsauce in der Pappverpackung kann man außerdem lange und bequem lagern, daher ziehe ich sie dem Selbstgemixe aus der verderblicheren Sahne etc. vor.

Im Kühlschrank lässt sich die Sauce gut noch ein oder zwei Tage halten. Falls sie dabei nachdickt, kann man einfach weiter mit Milch verdünnen, nochmal erwärmen und gut umrühren. Pfeffer und Kräuter sollte man dann aber ggf. direkt auf dem Teller mit der Sauce vermixen, damit sie immer frisch sind und nicht in der Sauce aufweichen...

Dienstag, 19. November 2013

Kochen für Arme, Faule und Untalentierte - Grundzutaten

Aloha ihr Lieben,

als ich mir vorhin Mittagessen gemacht habe kam mir die Idee, mal einige meiner zusammengebastelten Rezepte zu posten. Wenn ich etwas koche, muss das
  • billig
  • schnell
  • einfach
gehen, denn ich bin arme Studentin, habe eigentlich keinen Bock auf Kochen und bin eigentlich auch nicht sonderlich begabt bei der ganzen Sache.

Nun hält sich, vor allem bei meiner Muddi und bei Freund, hartnäckig das Vorurteil, dass die Feri sich ja monatelang nur von Nudeln mit Pesto ernähren würde, wenn man sie nicht ab und zu zum Auflauf zwingen oder ihr ein Care-Paket mit Nahrung* schicken würde. Ich geb zu, dass Nudeln und Pesto einen großen Teil meiner Nahrung ausmachen, aber so einfallslos und einseitig ess ich ja nun wirklich nicht!

Da bestimmt auch andere gern etwas Abwechslung auf einen dürftigen Speiseplan bringen möchten, werd ich jetzt ab und an, wenn ich grad wieder etwas koche was mir bloggenswert erscheint, ein kleines Rezept verraten. Zunächst schlage ich euch hier aber ein paar Zutaten vor, die wenig oder gar nichts kosten und die sich für sehr viele Rezeptvariationen nutzen lassen. Ja, kochen ohne diese Sachen ist natürlich noch billiger. Aber das sind Investitionen von wenigen Euro, von denen man sehr lange was hat.

Grundzutaten für billiges Kochen


Kräuter

Was ist der Unterschied zwischen Spaghetti Napoli im Restaurant und Spaghetti mit Tomatensauce aus der Fertigpackung von Aldi? Richtig, die Basilikumblättchen in der Mitte! Fast alles lässt sich mit ein paar frischen Kräutern hübscher, aber auch leckerer und gesünder machen. Es ist erstaunlich, wie viel Unterschied so ein bissel Grünzeug macht!
Kresse und Basilikum auf dem Balkon
 
Kräuter kann man selbst ziehen oder einfach für 1 - 2 Euro das Stück im Supermarkt kaufen und auf der kleinsten Fensterbank halten. Mit ein bisschen Pflege habt ihr locker ein Jahr oder länger Freude an einem Pott! Dazu einige Hinweise:
  • Kräuter aus dem Supermarkt möglichst bald in einen etwas größeren Topf umtopfen und mindestens 1,5 - 2 cm frische Erde ringsum hinzugeben. Dann braucht man sich meist gar keinen Kopf mehr ums Düngen machen und sie werden recht üppig. Ohne Umtopfen sind mir die meisten Kräuter immer sehr schnell eingegangen.
  • Beim Abschneiden möglichst nicht einzelne Blätter abreißen sondern darauf achten, den Stiel einige Millimeter oberhalb eines Blattpaares zu kappen. Dadurch verzweigt sich die Pflanze demnächst an dieser Stelle und wird buschiger, anstatt nur lange dünne Triebe nach oben zu bekommen.
  • Von Zeit zu Zeit kann es sinnvoll sein, die Kräuter vorsichtig bis kurz über der ersten Blattverzweigung zurückzuschneiden - die abgeschnittenen Teile können getrocknet werden oder für "Großprojekte" wie ein selbstgemachtes Pesto etc. verwendet werden.
  • Falls sie zu schlapp sind und gedüngt werden müssen, gibt es spezielle Kräuterdünger. Die kosten zwar etwas, sind aber empfehlenswert, da sie für den Verzehr unbedenklich sind und wirklich ewig halten.
Welche Kräuter man wählt ist natürlich Geschmackssache und kommt darauf an, was man tatsächlich regelmäßig verwendet. Meine drei wichtigsten sind Basilikum (für Saucen und Pizza), Schnittlauch (auf Brote, in helle Saucen) und Petersilie (Brote, Saucen, Dekoration, Eintöpfe). Außerdem habe ich noch Oregano und Thymian (hauptsächlich Saucen, Pizza), Minze (helle Saucen, Tee und Cocktails), Salbei (Tee, manchmal helle Saucen) und Rosmarin (Saucen).

Sehr toll ist Brunnenkresse für helle Saucen und aufs Brot, allerdings lohnt es sich bei der meistens nur, sie selbst aus Samen zu ziehen und dann auch direkt aufzubrauchen. Fürs Fensterbrett gibt es flache Tonschalen, in die man die Samen ohne Erde hineingeben kann, um sie sauber und bequem zu züchten und zu ernten. Die finde ich sehr praktisch, weil man darin weniger Schimmelprobleme hat als z.B. in Pastikbehältern.

Pilze

Was, Pilze? Die sind doch sauteuer!
Jawoll sind sie. Und ich benutz am liebsten Steinpilze und Pfifferlinge. In exorbitanten Mengen! Weil ich die Dinger nämlich einfach selbst suche, da kosten sie mich keinen Pfifferling *höhöhö & schenkelklopf* Mit meinen Eltern bin ich seit fast 20 Jahren regelmäßig im herbstlichen Wald unterwegs, um die Vorräte wieder aufzufüllen. Die frischen Pilze kann man abbürsten und dann einfach direkt für z.B. Eintöpfe verwenden. Schneidet man die Pilze allerdings klein und trocknet sie, ausgelegt auf Backpapier auf großen Pappen, so kann man sie in etwas luftdurchlässigen Behältnissen und dunkel & trocken locker das ganze Jahr über lagern. Will man sie benutzen, so kann man sie entweder in Wasser wieder aufquellen lassen oder beim Kochen direkt in Saucen etc. hineingeben (hier empfiehlt es sich aber, die Saucen mit Milch bzw. Wasser etwas zu strecken, da die Pilze viel aufsaugen).
...die stehen da nicht mehr lange ;)
 
Pilze sanmmeln macht auch einfach Spaß, ist ja fast wie Ostern und befriedigt den Such- & Sammeltrieb. Außerdem bekommt man einen ruhigen Spaziergang im Wald dazu. Wann und wo welche Pilze wachsen, erfährt man z.B. auf dieser Homepage. Für Neulinge empfiehlt es sich unbedingt, jemanden der sich schon auskennt bei der Suche zu begleiten und erstmal nur leicht identifizierbare Pilze zu sammeln. Oft werden in den Herbstmonaten regional Pilztouren für einen kleinen Obolus angeboten - einfach mal googeln! Oder in der Bücherei nach guten Pilzbestimmungsbüchern schauen. Nicht auf eigene Faust losgehen und einfach irgendwelche Pilze essen! Viele Anfänger verwechseln genießbare Pilze mit giftigen Pilzen!

Gewürze

Gewürze machen den geschmacklichen Unterschied zwischen preiswert & lecker und billig & dahingeklatscht. Ich muss allerdings zugeben, dass ich gewürztechnisch noch nicht allzu versiert bin (und dass ich latent mit viel zu wenig Salz koche, z.B. mein Nudelwasser ist prinzipiell ungesalzen *hust*).

Worauf ich aber auf jeden Fall achte, ist guter Pfeffer! Nicht der olle Pulverpfeffer, der lockt ja nun wirklich niemanden hinterm Ofen hervor. Investiert in eine Pfeffermühle (oder lasst euch eine zu Weihnachten schenken) und kauft den Pfeffer als Kugeln, die ihr damit zermahlt - schmeckt deutlich (!) besser.

Hochwertige Gewürze bekommt man in großen Mengen und sehr preiswert vor allem in z.B. türkischen Geschäften oder auf Märkten. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass man sie direkt in Tüten kaufen kann und die teuren und später weggeworfenen Plastikbehälter nicht mitbezahlen muss.


* Typischer Inhalt eines solchen Paketes: Zahncreme, Konservendosen mit Erbsen & Möhrchen, asiatische Fertigsuppen, Schokolade, Deo, Socken, Haarreifen, manchmal ein in Luftpolsterfolie eingewickelter Kohlrabi und (höhö) Pesto.

Donnerstag, 14. November 2013

Polnischer Apfelkuchen

Aloha,

heute möchte ich mal wieder ein Rezept bloggen. Freund hat ausgewählt und wollte den polnischen Apfelkuchen, der etwas schokoladig und ziemlich saftig ist. Das Rezept dazu, welches ich vor einiger Zeit von seiner Mutter bekam, ist so ziemlich das chaotischste Rezept, das ich je ausprobiert hab (und das will schon was heißen nach meinem komischen Plätzchenrezept!).

Wie das meiste was ich backe sieht es zwar blöd aus, ist aber richtig lecker!

Seid ihr bereit für die polnischste Backaktion, die eure Küche jemals gesehen hat? Dann zückt eine riiiichtig große Schüssel, einen dicken Holzlöffel und ein Glas. Das Glas ist besonders wichtig, weil wir uns nicht mit Grammangaben oder ähnlichem aufhalten werden, sondern einfach das Glas nehmen, um alles abzumessen. Daher hier auch der obligatorische Hinweis: ihr müsst immer das gleiche Glas benutzen. Nicht das Glas wechseln. Für alles das gleiche Glas. Anscheinend ist das wirklich wichtig, denn mir wurde es gefühlt 20 mal gesagt, als ich das Rezept bekam...
Mithilfe des Glases (immer das gleiche!) füllt ihr nun folgende Zutaten ab und kippt sie schichtenweise und möglichst gleichmäßig übereinander in die Schüssel:
  • 4 Gläser zerschnittene Äpfel (ruhig mit Schale)
  • 1/2 Glas gehackte Mandeln oder gehackte Nüsse (eine 100 g Packung reicht)
  • 1/2 Glas Rosinen
  • 1 Glas Zucker
  • eine Packung Vanillinzucker
  • 2 Gläser Mehl
  • 1/2 Teelöffel Zimt
  • 1 Teelöffel Natron (gibts neben dem Backpulver)
  • 1 Teelöffel Backpulver
  • 2 Esslöffel Kakao (Backkakao macht es schokoladiger, Trinkkakao geht auch, dann wird der Kuchen allerdings heller und schmeckt weniger schokoladig, aber trotzdem lecker)
  • 4 vorher verrührte Eier
  • 2/3 Glas (zwei Drittel) Sonnenblumenöl
Hier seht ihr mein Glas (ganz wichtiges Item!) und die Apfelstückchengröße

Das sieht jetzt erstmal etwas merkwürdig aus, aber widersteht dem Drang es zu rühren und lasst es erstmal 30 Minuten lang so stehen. Dann zückt den dicken Holzlöffel und verrührt alles ganz rustikal per Hand. Es entsteht eine klebig-zähe Pampe, die auf einem Backblech verteilt wird. Ich lege dabei einfach Alufolie unter, dann lässt sich der Kuchen am besten lösen.

Bah is das klebrig...

Bei 180°C kommt er dann ca. 40 Minuten in den Ofen. Danach kann er mit Schokoladenkouvertüre oder mit Puderzucker bedeckt werden, damit man bei den entstehenden Kuchenschnitten noch erkennt, wo oben und unten sein soll.

PS: Immer das gleiche Glas nehmen!

PPS: Wer mit seinem Glas nun gar nicht klar kommt, weil er korrekterweise bemängelt, dass sich das Verhältnis des Volumens des Ess-/Teelöffels bzw. des Backbleches und damit der Dicke des Kuchens zum Volumen des Glases signifikant verändern kann da das Glasvolumen nicht genormt ist, der sei informiert, dass mein Glas etwa 300 ml fasste und der Kuchen damit ganz gut wurde.

Dienstag, 12. November 2013

Spaß mit O2

Aloha,

eigentlich dachte ich, dass ich in diesem Blog keine Resignationsposts mehr schreiben würde wie in meinem alten Blog. Immerhin hab ich jetzt den weltbesten Freund, der sogar heimwerken kann, und die Uni schafft es (hoffentlich) auch nicht mehr, ihre bisherigen Knüller noch zu überbieten.

Trotzdem bin ich, ein dank Yoga und Resignationsadaption tiefenentspannter Mensch, grad zur Weißglut getrieben. Diesmal von einem Verein von dem ich bislang immer ein recht gutes Bild hatte und wo ich mehr als 10 Jahre treuer Kunde war: mein Mobilfunkanbieter O2.

Ausgangszustand: Feri hat seit Jahren eine O2- & Festnetzflat plus 100 Frei-SMS und Homezone für ihr Dumbphone. War sinnvoll, weil Feri im Wohnheim kein Festnetz hatte, aber mehrmals die Woche mit Muddi & Omi foniert. Ist nun nicht mehr sinnvoll, weil das Geld zum Ende des Studiums echt knapp wird und inzwischen "richtiges" Festnetz vorhanden ist. Simyo bietet derweilen einen Tarif an, mit dem Feri mehr als 15 Euro im Monat sparen würde, wenn die Festnetztelefonate nicht mehr übers Handy gehen. Das würde wieder für 2 Wochen Nudeln mit Pesto ausreichen, also den Grad ihrer Armutbedingten Unterernährung signifikant vermindern.

Also möchte ich das ganze kündigen. Natürlich stell ich das im April fest und das nächstfrühere Vertragsende ist der 1.3. nächstes Jahr. Naja, egal, muss man durch. Vielleicht kann man aber den Tarif wechseln... Der unfreundliche Shopmitarbeiter verliert aber schlagartig das Interesse, als er ahnt, dass ich kein Iphone mit dickem Vertrag kaufen will, sondern Geld sparen möchte. Daher werde ich recht rabiat und unfreundlich abgefertigt mit "Nee, is alles nich möglich! Und unser O2 ist viel besser als Simyo, die haben scheiß Netze. Wenn sie lieber nen Trabbi fahren wollen als nen Ferrari, dann müssen Sie eben kündigen, aber per Post, nich bei mir!" (kurze Anmerkung am Rande: Simyo nutzt das Netz von E-Plus, das praktisch gleichwertig ist).

Also gut, ich such die Adresse raus und pack das ganze in die to-do-Liste. Vor einigen Wochen nun wollte ich das ganze in Angriff nehmen, damit die Kündigung fristgerecht eingeht. Dabei stell ich fest, dass ich eben doch auf einen (absolut unsinnigen) Tarif wechseln könnte, der monatlich kündbar ist. Das mach ich auch gleich und lasse die Kündigung vormerken, die ich dann nur noch telefonisch bestätigen muss. Juchu.

Nachdem ich dann eine gute halbe Stunde in der Hotline gewartet habe und munter weiterverbunden wurde, sagt mir der inzwischen 3. Mitarbeiter am Hörer, dass Vertragsänderung und Tarifänderung was anderes ist. Und dass der Tarifwechsel das Vertragsende noch einen Monat nach hinten geschoben hat. Was angeblich "dick und fett" beim Tarifwechsel angezeigt wurde (d.h. ich bin offenbar blind, denn ich hab mir den Tarifwechsel extra lang angeguckt, denn ich will ja unbedingt so früh wie möglich und so billig wie möglich raus!). Nuja, dann möchte ich den Tarifwechsel eben wieder rückgängig machen, was mir ja gesetzlich zugesichert wird. Das allerdings geht wieder nicht über die Hotline, da muss ich eine Mail an den Kundenservice schreiben.

Das mach ich dann auch gleich und warte erstmal (mit einem absolut unbrauchbaren Tarif, bei dem ich das Handy nicht benutze) eine Woche, bis ich Nachricht bekomme. Und zwar, dass der Rücktritt vom Tarif nicht per Mail geht, sondern über den Kundenservice-Chat.

Aaaaalso auf zum Chat. Hier dauert es sogar noch länger als in der Hotline: nach knapp einer Stunde und 5 Weiterverbindungen sagt mir endlich ein Mitarbeiter, dass er den Rücktritt vom Tarifwechsel veranlassen wird. 5 weitere Tage später hab ich schließlich endlich meinen alten Tarif wieder und kann wiederum die Kündigung vormerken (die bis 1.12. jetzt langsam mal bestätigt werden muss, was aber während der ganzen Umstellung nicht ging). Dabei steht nun im Kundencenter ganz dezent, dass das Vertragsende nicht der 1.3.2014, sondern der 1.1.2015 ist. Ich glaub, es hakt!!!
Der erneute Chat erforderte diesmal nur 15 Minuten Wartezeit für die Auskunft, dass mir der Mitarbeiter auch nicht helfen kann. Ich solle erstmal kündigen und dann würde man mir das frühestmögliche Datum sagen... Also werd ich heute Abend wieder ein Stündchen in der Hotline verbringen. Und wenn die mir das nicht zum ursprünglichen Termin kündigen, schnapp ich mir heute Nacht eine Flasche Tequila und werd jeder O2-Filiale in der Stadt ein Häufchen auf die Fußmatte setzen. Und jedem, der mir über den Weg läuft, von O2 abraten, da die überteuerten Preise nichtmal durch guten Service gerechtfertigt werden können (wo ich grad dabei bin, unser DSL läuft auch über O2 und es gibt mehrmals pro Woche Verbindungsprobleme, der Vertrag wird allerdings auch gekündigt).

So. Dampf abgelassen, nu bin ich erstmal wieder entspannt (bis zum Hotlinetelefonat heute Abend)...

Dienstag, 29. Oktober 2013

Rachel Joyce - Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Aloha,

heute möchte ich eines meiner Lieblingsbücher vorstellen! Ich muss zugeben, ich ging mit wenig bis keiner Erwartung an das Buch heran. Ich habe es irgendwann im Rahmen einer größeren Ebookeinkaufstour mal auf mein kindle geschoben, eigentlich nur, weil ich selbst gern pilgere. Dann habe ich erst noch alles mögliche andere gelesen und die (erschlagend positiven!) Kritiken entweder vergessen oder gar nicht erst mitbekommen. Irgendwann, als grad nichts anderes auf dem Reader mich mehr anlächelte, hab ich es dann begonnen. Und kam nicht mehr davon los. Mein armer Freund wurde dauerhaft auf dem Laufenden gehalten, was im Buch gerade passiert...

Rachel Joyce:
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Jahr: 2013
384 Seiten

Meine Wertung:

(kommt man nicht von los!)

Erster Satz:

Der Brief, der alles verändern sollte, kam an einem Dienstag.
 

Inhalt:

Harold, der in sehr geordneten Verhältnissen mit seiner Frau Maureen in einer englischen Kleinstadt lebt, erfährt per Brief, dass seine frühere Kollegin Queenie an Krebs erkrankt ist und bald sterben wird. Er schreibt ihr eine Antwort und macht sich auf, um den Brief einzuwerfen.
»Ich geh mal schnell zum Briefkasten.« [...] »Bist du länger weg?« »Ich geh nur die Straße runter.«
In Gedanken versunken beschließt Harold, noch ein Stück weiter zu laufen, zum nächsten Briefkasten. Er erinnert sich an viele Momente, in denen er das Leben und die Menschen darin an sich hat vorbeiziehen lassen, weil seine eigene Hilflosigkeit und Unsicherheit ihn gelähmt haben. Er stellt fest, wie distanziert er und seine Frau nebeneinander her leben, wie wenig Bindung er zu anderen Menschen hat und zu seinem Sohn David, welcher sich zuhause nicht mehr blicken lässt. Sogar Queenie, die in ihrer Vergangenheit einmal etwas sehr wichtiges für ihn getan hat, hat er im Stich gelassen. Seit Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, seine Antwort auf ihren Abschiedsbrief kommt ihm schäbig vor.

Vor dem letzten Briefkasten am Stadtrand schließlich fasst er einen Entschluss: Er wird Queenie besuchen, und sie muss so lange am Leben bleiben, bis er bei ihr ist. Und bevor er zu viel über seine irrsinnige Idee nachdenkt und wieder in seinen geordneten, aber toten Alltag zurückkehrt, beginnt er, die 1000 km zu ihr zu laufen.

Auf dem Weg zu Fuß von Südengland zur Grenze Schottlands trifft er Menschen, denkt über Momente aus der Vergangenheit nach, lässt Sachen zurück und befreit sich. Man erfährt, wie verstockt und blockiert sein Leben war, ohne dass er es selbst gemerkt hat. Auch seine Frau Maureen beginnt, sich in seiner Abwesenheit zu verändern.

Zu Beginn seiner Reise hält sich Harold noch sehr nah an der Zivilisation, steht ohne Ausrüstung da und überlegt ängstlich, ob diese Idee wirklich gut war. Je weiter er in seinen inzwischen ausgetretenen Segelschuhen läuft, desto schlimmer wird die körperliche Belastung für ihn und desto mehr stürzen verdrängte Erinnerungen und Schuldgefühle auf ihn ein.
Es überraschte Harold, dass er sich an das alles erinnerte. Vielleicht lag es am Gehen. Vielleicht sah man mehr als die Landschaft, wenn man aus dem Auto stieg und seine Füße benutzte.
Er kämpft sich voran, sowohl auf seinem Weg als auch bei der Verarbeitung seiner Vergangenheit. Und schließlich ist ein Punkt erreicht, wo es mit jedem Schritt ein bisschen besser geht und er ein bisschen stärker wird. Harold beginnt jedoch zu fürchten, nach der Pilgerreise wieder zurück in seinen bisherigen Alltag zu fallen:
Er würde Queenie seine Geschenke geben und ihr danken, aber was dann? Er würde in sein altes Leben zurückkehren, das er fast vergessen hatte, ein Leben, in dem die Menschen Barrikaden aus Schnickschnack zwischen sich und der Außenwelt errichteten.

toll:

Das klingt jetzt erstmal alles nach einem furchtbar melodramatischen, theatralischen Selbsthilfebuch für Menschen in der Midlifecrisis. Ist es aber nicht - das Buch wird weder irgendwo pathetisch, noch kitschig oder klischeehaft. Harolds Probleme und deren Bewältigung nehmen zwar eine zentrale Rolle ein, seine Geschichte, in die man nach und nach vordringt, ist jedoch auch sehr spannend - und nicht so trivial, wie es zu Beginn scheint.

Dennoch sind alle Personen im Buch ganz normale Menschen mit realistischen und zum Teil ganz alltäglichen Problemen. Manch einer bemängelt diese Nutzung "klischeehafter Standardproleme" als einfallslos, ich fand das gut - die Geschichte wirkt dadurch realistisch und aus dem Leben gegriffen. Die angesprochenen Probleme sind nicht automatisch klischeehaft, nur weil viele Leute sie haben. Das ist überhaupt eine der Stärken der Autorin: aus dem Alltäglichen, Simplen etwas zu zaubern, das den Leser berührt. Ganz normale, alltägliche Personen, die an einem Punkt schließlich über sich hinauswachsen.

Auch der Schreibstil ist überhaupt nicht blumig oder ausufernd, sondern eher schlicht gehalten. Gerade deswegen passt er hervorragend zum Inhalt des Buches: weniger Schnickschnack, dann wird alles klarer. Trotzdem entsteht eine sehr gelungene Atmosphäre.

Die Vorstellung vom Charakter der Figuren bildet sich oft durch Kleinigkeiten wie nebensächliche Handlungen oder Kommentare. Dadurch wirken die Figuren sehr authentisch, auch ihre persönliche Entwicklung im Laufe des Buches ist absolut natürlich und überzeugend.

Wer Befürchtungen hat, dass aufgrund des Titels "Pilgerreise" irgendwelche theologischen Überlegungen im Buch angestellt werden, der sei übrigens ganz beruhigt, Religion wird nicht angesprochen.

doof:

Es ist viel zu schnell durchgelesen!

Stellenweise ist das Buch auch etwas deprimierend. Das ist allerdings nicht unbedingt negativ zu werten. Die Verarbeitung von Harolds Vergangenheit ist halt keine leichte Sache und nimmt stellenweise auch empathische Leser etwas mit.

Fazit:

Eigentlich unglaublich, dass dies erst Rachel Joyces erster Roman ist! Man liest nicht nur ein Buch, man läuft zusammen mit Harold nach Nordengland, man durchlebt mit ihm zusammen seine Erinnerungen, man entwickelt sich mit ihm zusammen.

Nur wirklich gute Bücher beinhalten eine Geschichte, in die man tatsächlich eintaucht. Nach der letzten Seite aber taucht man wieder auf, kehrt in seine eigene Welt zurück und wendet sich dem nächsten Buch zu. Dieses Buch aber schafft es, ein wenig im Herzen des Lesers hängen zu bleiben und ihn weiter zu begleiten.

Geeignet für Leser, die gern etwas stillere Bücher mit einer Botschaft lesen. Nicht geeignet für diejenigen, die eine Spannungskurve wie in einem Thriller erwarten oder für Pragmatiker, die sich fragen, warum Harold nicht einfach mit dem Auto gefahren ist oder denken, dass Harold tatsächlich glaubt Queenies Krebs durch das Pilgern zu heilen.

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